Kommentar

Energiesparen gegen Putin

Unser enormer Verbrauch von Kohle, Öl und Gas beschert den Despoten dieser Welt volle Kassen. Putins Angriffskrieg auf die Ukraine zeigt, wozu das führen kann. So schnell wie möglich müssen wir unsere Abhängigkeit von fossiler Energie beenden. Jetzt konsequent Energie einzusparen, kann kurzfristig helfen. Mittelfristig brauchen wir einen massiven Ausbau Erneuerbarer Energien – und auch das gelingt nur, wenn wir weniger Energie verbrauchen. Ein Kommentar von BIO-Redakteur Torsten Mertz.

18.03.2022

Energiesparen gegen Putin | Energiepolitik Energie sparen Klimapolitik Kommentar

Die hohen und weiter steigenden Energiepreise tun weh. Vielen von uns Konsument*innen und auch vielen Unternehmen. Aber wir werden uns daran gewöhnen müssen, denn der Preis für Strom, Gas und Treibstoffe bildet letztlich nur ab, was Energie ist: ein überaus wertvoller Rohstoff, der Treibstoff unserer komfortablen Lebensweise und letztlich ein Element der Geopolitik.

Heute müssen und können wir uns dafür entscheiden – wegen Putins Krieg gegen die Ukraine –, weniger Sprit, Strom und Heizenergie zu verbrauchen. So vergessen das Thema »Energie sparen« auch scheint: Wir können alle einen kleinen Beitrag dazu leisten, Despoten weniger Einnahmen zu ermöglichen, und dabei gleichzeitig etwas gegen die Klimakatastrophe tun.

Hohe Strom- und Spritpreise

Es ist schon seltsam, wie wenig in den letzten Jahren in der Politik über das Energiesparen gesprochen wurde. Vor allem im Vergleich dazu, wie intensiv über die (alten und neuen) Energiequellen diskutiert wurde und wie häufig die Kosten für Energie im Fokus standen. Es zeigt sich immer wieder: Hohe Strom- und Spritpreise kann sich keine Regierung leisten. Und mit Ideen, die Verzicht suggerieren, ist auch kein Blumentopf zu gewinnen – eine Wahl schon gar nicht.

Zapfsäulen in Blau auf GelbHingegen haben Unternehmen relativ stark daran gearbeitet, Energie effizienter einzusetzen. Nicht zuletzt, um Kosten zu sparen – auch in Hinsicht auf steigende CO2-Preise; teils aber auch aus dem ernsthaftem Bestreben, die Umwelt weniger zu belasten.

Auf Seiten der Verbraucher*innen war Energiesparen hingegen nie sonderlich populär: Das Verschwinden der alten Glühbirnen wird noch heute beweint, beim Neuwagenkauf scheint der Spritverbrauch noch immer kein Kriterium zu sein, und der Absatz von Elektrogeräten und teils sinnfreien elektronische Komponenten steigt auch weiter an.

Unser Energieverbrauch finanziert Putins Krieg

Aber warum schreibe ich darüber? Weil vielleicht jetzt endlich der Zeitpunkt gekommen ist, um Konsequenzen zu ziehen. Die Sorge vor der Klimakatastrophe hat uns als Gesellschaft nicht zum Umdenken bewegen können. Vielleicht weil sie noch immer zu abstrakt, zu weit weg ist. Jetzt herrscht allerdings Krieg. Und dieser Krieg wird auch ganz wesentlich über unseren Energieverbrauch finanziert.

Unsere Öl- und Gasimporte haben das Putin-Regime reich und mächtig werden lassen. Auch jetzt – nach drei Wochen Angriffskrieg – fließen aus Deutschland täglich hunderte Millionen Euro für Gas und Öl nach Russland und füllen die dortige Kriegskasse. Wenn wir unsere Abhängigkeit von russischen Importen unmittelbar senken wollen, kommen wir an striktem Energiesparen nicht vorbei. Denn bis Windräder, Solarfelder, Speicher und Geothermiekraftwerke in nennenswertem Umfang neu gebaut sind, dauert es Jahre. Bis das fürchterlich umweltschädliche Frackinggas aus den USA hier eintrifft, dauert es Monate. Und weiter Braunkohle abzubauen oder Atomkraftwerke laufen zu lassen, widerspricht allem Wissen um die Gefährdung unserer Zukunft.

Energiesparen macht unabhängig

Die vielen Merkel-Jahre haben die Energiewende ausgebremst, von Energiesparen war kaum die Rede. Dabei war Umwelt- und Nachhaltigkeits-Forschenden immer klar, dass ein sinkender Verbrauch von Energie und der Aufbau alternativer Quellen zwingend zusammengedacht werden müssen. Darüber zu jammern bringt nun wenig, also müssen wir uns dieser Gemeinschaftsaufgabe stellen. Wir alle! Was jede und jeder beitragen kann, ist bekannt, doch offenbar kann es nicht oft genug wiederholt werden. Und wann, wenn nicht jetzt, sollte sich die Erkenntnis durchsetzen, dass wir aus politischer wie aus ökologischer Sicht keine lebenswerte Zukunft haben werden, wenn wir weiterhin derartige Mengen fossiler Energien – wozu auch Uran gehört – verbrauchen.

Blaues Rad vor gelber WandJa, wir müssen viel weniger und langsamer Auto fahren, insgesamt weniger reisen, die obszönen Aidas und Privatyachten dieser Welt verschrotten oder besser: als Zwischenunterkünfte für Geflüchtete nutzen. Wir müssen unseren Konsum einschränken: weniger Flachbildschirme anschaffen, mehr kehren statt den Laubbläser anzuschmeißen, uns hinterfragen, wie warm unsere Häuser und Wohnungen wirklich sein müssen, kürzer duschen, weniger Plastikverpackungen kaufen und und und. Einige Ideen finden Sie auch in unserem Beitrag »11 Energiespartipps fürs Klima«.

Mittelfristig brauchen wir Investitionen in die energetische Sanierung von Häusern und nachhaltige Heizungssysteme, in Solardächer und -fassaden, in Wärmepumpen, in Geothermie, in Speichertechnologien, in Ein-Liter-Motoren. Wir müssen mehr auf Biolandwirtschaft setzen, die ohne Kunstdünger und Pestizide auskommt, eine echte Kreislaufwirtschaft aufbauen, Einwegplastikwasserflaschen und andere Absurditäten abschaffen und vieles mehr.

Was wir nicht brauchen, sind steuerfinanzierte Spritpreisbremsen oder höhere Pendlerbeträge – das sage ich als Pendler. Nur wenn uns der Wert der Energie über seinen Preis klar wird, sind wir vielleicht bereit, endlich etwas zu unternehmen.

Noch hat das Bundeswirtschaftsministerium nach Informationen des Recherchenetzwerks CORRECTIV keine eigenen Studien dazu beauftragt, wieviel Gas und Öl etwa durch kühlere Wohnungen, Tempolimits oder Einschränkung des Flugverkehrs eingespart werden könnten. Alle Aufmerksamkeit richtet sich noch darauf, den bestehenden Verbrauch im Fall eines Embargos aus anderen Quellen zu bestreiten.

Wie viel Energie kommt aus Russland?

Relativ klar sind die Anteile der Energieträger, die wir in Deutschland aus Russland beziehen: Bei den Rohöleinfuhren (für Treibstoffe, zum Heizen, für die Industrie) sind es rund 35 Prozent, bei Gas (zum Heizen, zur Stromproduktion, für die Industrie) sind es um die 55 Prozent. Auch 50 Prozent unserer Steinkohleimporte (für unseren Strom) kommen ebenfalls aus Russland. Diese Zahlen sprechen eine deutliche Sprache.

Ich möchte nicht predigend klingen. Aber es ist an uns allen, selbst aktiv zu werden. Wir können alle einen Beitrag leisten, unsere Abhängigkeit von Unrechtsregimen zu verringern. Indem wir Energie sparen und unserer Regierung zeigen, dass wir JETZT bereit sind, Russland unseren Öl- und Gashahn zuzudrehen. Und dann sparen, sparen, sparen. Denn – wie es Simon Müller von der Denkfabrik Agora Energiewende – formuliert: »Das Erdgas, das wir jetzt einsparen, hilft uns auch durch den nächsten Winter.«

BIO-Redakteur Torsten MertzTorsten Mertz ist Objektleiter und Redakteur des BIO Magazins, im Vorstand von Lifeguide Augsburg e.V. » und Kochbuchautor.

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