Alkoholvergiftungen bei Jugendlichen auf dem Vormarsch

Warum Kinder Alkohol gar nicht vertragen

Es gibt immer ein erstes Mal: Rund 750 000 Menschen in der Bundesrepublik bekommen jedes Jahr Erstkontakt mit Alkohol. Für jeden Zehnten davon kann dies der Beginn einer zweifelhaften Alkoholikerkarriere sein. Seit 1970 ist das Einstiegsalter für regelmäßigen Alkoholkonsum von 15 auf 13 Jahre zurückgegangen. So zählen heute schon Kinder zu den Konsumenten. Hinweise mehren sich, dass ein wesentlicher Grund das stetig wachsende Angebot an süß schmeckenden alkoholischen Getränken (Alkopops) ist, die sogar ausdrücklich für diese Altergruppe angepriesen werden.
Die besondere Gefahr dabei: Kindern fällt es noch schwerer als Erwachsenen, die Risiken des Alkoholkonsums zu erkennen. Der kindliche Organismus ist extrem anfällig für Schädigungen durch Alkohol. Je eher ein Kind beginnt, alkoholische Getränke zu konsumieren, desto höher ist die Gefahr, dass es später einmal alkoholkrank wird. Schon jetzt sind bereits ca. 100 000 Kinder und Jugendliche abhängig, so die Schätzungen der Deutschen Hauptstelle für Suchtgefahren in Hamm. Die Tendenz scheint steigend, wie eine Untersuchung von Prof. Ludwig Gortner an der Universitäts-Kinderklinik Homburg nahe legt.
An 22 großen deutschen Kinderkliniken sammelte sein Team Daten hinsichtlich von Alkoholvergiftungen bei Kindern und Jugendlichen im Alter von 10 bis 17 Jahren, die stationär aufgenommen werden mussten. „Unsere Ergebnisse deuten darauf hin, dass exzessiver Alkoholkonsum weiterhin ein Problem bei Kindern und Jugendlichen darstellt.“

Mädchen tragen ein Mehrfachrisiko

„Unsere Ergebnisse zeigen zudem, dass zunehmend auch Mädchen zu problematischem Trinkverhalten neigen“, so Gortner. Die Hälfte aller Jugendlichen, die zwischen einem und vier Tagen wegen einer Alkoholvergiftung stationär behandelt werden müssen ist weiblich, schlägt der Kinderarzt Alarm. Zu diesem Alkoholproblem kommen bei den weiblichen Teenagern noch zwei weitere Probleme dazu:  Ungewollte Schwangerschaften aufgrund von Missbrauch unter Alkoholeinfluss und die Schädigung der Frucht durch chronischen Alkoholkonsum, der insgesamt bei Mädchen stark zugenommen hat. „Alkohol ist nach Kokain das stärkste fruchtschädigende Gift überhaupt und Hauptgrund für geistig zurück gebliebene Kinder“, warnt Gortner.

Warum Kinder Alkohol gar nicht vertragen

Das kindliche Nervensystem reagiert empfindlicher als das eines Erwachsenen. Bereits ab 0,5 Promille Alkohol im Blut kann ein Kind bewusstlos werden. Alkohol wirkt sich bei Kindern weniger schädlich auf die Leber als auf das Gehirn aus, das gerade während der Pubertät und unter hormonellem Einfluss eine unglaubliche Vernetzungsaktivität entfalten muss. Ein Prozess, der durch Alkohol empfindlich gestört wird. Die Untersuchung von Gortner zeigt auch, dass die 15 bis 17-Jährigen mit fast 70 Prozent den Löwenanteil an den rund 900 erfassten Fällen stellen. Dass auch 20 Kinder im Alter zwischen 10 und 12 Jahren in der Untersuchung auftauchten stimmt besonders nachdenklich. Dabei beginnt alles oft so harmlos: Omas Geburtstag – zur Feier des Tages darf ein Schlückchen Sekt genippt werden. Für die Kinder ist das sozusagen der erste Schritt in die Erwachsenenwelt.
Die Erwachsenen machen es den Kindern vor: Alkohol gehört zum Erwachsensein! Meistens darf zur Konfirmation das erste Mal„richtig“ getrunken werden – die Jugendlichen sind dann in der Regel gerade mal 14 Jahre alt.„Um das kritische Trinkverhalten von Kindern und Jugendlichen in Zukunft positiv zu beeinflussen, sind gesellschaftliche Anstrengungen auf den verschiedensten Ebenen erforderlich“,mahnt Gortner zur Wachsamkeit und ergänzt: „Kliniken und Intensivstationen sind keine Erziehungsanstalten“.

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