Antibiotika häufig unwirksam

Dopaminstoffwechsel und Eisenmangel als Ursache

Akute Nasennebenhöhlenentzündungen gehören in der Hausarztpraxis zu den häufigsten Erkrankungen, für die Antibiotika verschrieben werden. Obwohl der eitrige Ausfluss aus der Nase noch kein Beweis für eine bakterielle Infektion ist, verordnen einer Untersuchung der Universität Oslo zufolge 98 Prozent aller Hausärzte in den USA ein Antibiotikum, in Norwegen 67 Prozent. In Deutschland wird es schätzungsweise ähnlich sein. Nun haben Forscher der Universität Southampton gezeigt, dass bei den meisten Patienten auf die Gabe von Antibiotika gänzlich verzichtet werden könnte. Nur in besonders hartnäckigen Fällen werden Antibiotika benötigt.
In der Praxis bedeutet das, erst einmal zuwarten, ob sich die Beschwerden nicht von alleine bessern. Denn noch gibt es keine Routine-untersuchung, die zeigt, ob die Infektion eines Patienten schwer genug ist, um einen frühen Einsatz einer der schärfsten Waffen der Medizin zu rechtfertigen.

Zuviel Antibiotika fördern die Resistenzbildung

Vorsicht ist deshalb angeraten, weil unkritische und leichtfertige Anwendungen, falsche Verordnungen und Resistenzbildungen die Wirksamkeit der rund 80 bekannten Antibiotika weltweit zu schmälern drohen. Experten fordern deshalb schon lange: Der Verordnung von Antibiotika muss eine gesicherte Diagnose vorausgehen. Ein einfacher Bluttest könnte zeigen, ob die Einnahme eines Antibiotikums tatsächlich nötig ist, und so die Spreu vom Weizen trennen helfen.
Professor Beat Müller, leitender Arzt am Universitätshospital Basel, gilt international als ausgewiesener Experte für diese Problematik. Er erklärt dazu: „Bakterien produzieren Giftstoffe, die im Rahmen der Entzündungsreaktion den Körper dazu anregen, das Hormon Procalcitonin in höherer Menge zu produzieren als bei viralen Infekten. Bei einem stark erhöhten Procalcitoninwert ist deshalb die Einnahme von Antibiotika erforderlich, bei einem niedrigen Wert dagegen nicht.“ Professor Müller ist Vorstandsmitglied der Initiative „Gezielt ist Sicher“, einem Zusammenschluss von überwiegend deutschen Experten, die gegen die drohende Gefahr von Antibiotikar-Resistenzen Sturm laufen.
Müllers bisherige Procalcitonin-Studien haben Folgendes gezeigt: Durch die Hormonbestimmung kann die Zahl der Antibiotika-Verschreibungen nahezu halbiert werden. „Auch in der Hausarztpraxis in einem Gebiet mit schon sehr niedrigen Antibiotika-Verschreibungen können nochmals über 70 Prozent des Antibiotika-Verbrauchs eingespart werden. Dann nämlich, wenn der Test konsequent zur sicheren Diagnose eingesetzt wird“, weist Müller auf aktuelle Untersuchungsergebnisse hin.
Bislang werden die Kosten für den Test allerdings nicht von den Kassen übernommen. Rund 25 Euro werden im Rahmen der IGEL-Leistungen (Individuelle Gesundheitsleistungen) fällig, wenn man auf Nummer sicher gehen will. Der Vorteil für Patienten ist aber der, dass so Nebenwirkungen durch falsch verordnete Antibiotika vermieden werden.
Haupteffekt ist nach Auffassung von Experten der, dass langfristig durch die so möglich werdenden Antibiotika-Einsparungen ein Rückgang der Resistenzen möglich wird. Denn je mehr sich Bakterienstämme mit Antibiotika auseinandersetzen, umso größer die Gefahr, dass sie durch Mutationen immun gegen die Substanzen werden. In Ländern, in denen Antibiotika weniger großzügig verschrieben werden, gibt es auch weniger Resistenzen.
„Zu einem umsichtigen Antibiotikaeinsatz und nachhaltigen Umgang mit dieser Ressource gibt es keine Alternative“, mahnt deshalb auch Professor Winfried Kern, Infektiologe am Universitätsklinikum Freiburg. Und Professor Tobias Welte, Pneumologe an der Medizinischen Hochschule Hannover ergänzt: „Die Reduktion des Antibiotika-Verbrauchs durch verbesserte diagnostische Möglichkeiten ist dringend erforderlich."

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