Eine neue Ära der Chirurgie

Operieren ohne äußere Narben

Aufmachen! Um Patienten mit schweren inneren Erkrankungen das Leben zu retten, hatten über Jahrhunderte hinweg Chirurgen überhaupt keine andere Möglichkeit, als sich durch große Schnitte Zugang in das Körperinnere des Menschen zu verschaffen. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts bündelten dann Mediziner, Physiker, Materialwissenschaftler, Mikroelektroniker, Optiker und Feinmechaniker ihre Erfahrungen und brachten das auf den Weg, was vielfach unter dem Begriff „Schlüsselloch-Chirurgie“zusammengefasst ist. Der Chirurg verzichtet bei dieser Technik auf die breite Eröffnung von Körperhöhlen. Stattdessen operiert er mit einem so genannten Endoskop und extrem verkleinerten Instrumenten durch Mini-Schnitte – eben wie durch ein Schlüsselloch. Nun sollen auch diese Schnitte Vergangenheit werden.

Schlüsselloch-Technik – wie alles begann

Der Siegeszug „Schlüsselloch-Technik“ hatte am 13. September 1980 in Kiel begonnen. Damals entfernte der Gynäkologe Karl Semm erstmals laparoskopisch (über eine Bauchspiegelung) einen Blinddarm. Fünf Jahre später gelang dem Böblinger Chirurgen Erich Mühe mit einer ähnlichen Technik die Entfernung einer Gallenblase. „Heute werden in Japan bis zu 70 Prozent aller Eingriffe in Bauchraum und Brustkorb als Schlüsselloch-Chirurgie durchgeführt“, sagt der Gastroenterologe Prof. Jürgen Hochberger, Chefarzt am St. Bernhard Krankenhaus in Hildesheim. Hochberger gehört hierzulande zu jenen Experten, die sich auf den Weg gemacht haben, die Schlüsselloch-Chirurgie noch weiter zu verbessern. Verbessern heißt in diesem Fall: vollkommener Verzicht auf äußerlich sichtbare Narben. „Ziel ist es, die äußere Haut- und Muskelhülle zu schonen und den Schnitt zum Eintritt in die sterile Bauch- oder Brusthöhle nach innen zu verlegen“, erklärt Hochberger, Leiter einer NOTES- Forschergruppe.

Die NOTES-Methode – schonender Eingriff ohne Wundheilungsstörung 

NOTES (engl.: Natural Orifice Transluminal Endoscopic Surgery) bedeutet endoskopisches Operieren über natürliche Zugangswege. Dabei führt der Operateur seine Instrumente über Körperöffnungen wie Speiseröhre, Scheide oder Enddarm in das Körperinnere. Vor allem stark übergewichtige und ältere Menschen sollen von den schonenden NOTES-Eingriffen profitieren. Denn Schmerzmittel können dadurch drastisch reduziert werden und die Gefahr von Wundheilungsstörungen ist wegen fehlender großer Schnitte so gut wie ausgeschlossen.
Hochberger arbeitet mit seinem Team an Möglichkeiten, Niere und Bauchspeicheldrüse über Magen und Scheide zu entfernen. Andere Ärzte entfernen Lymphknoten durch die Speiseröhre und entzündete Blinddärme und Gallenblasen über Rachen und Magen. „Auch lassen sich nach Eröffnung der Speiseröhre zahlreiche Eingriffe am Herzen von innen durchführen“, so der Chefarzt des St. Bernhard Krankenhauses.
Die NOTES-Methode steht erst am Anfang ihrer Entwicklung, ihr Stellenwert ist derzeit noch offen. Erst hundert Patienten wurden bislang weltweit mit dieser Methode operiert. Viele Fragen gilt es auf dem Weg der Entwicklung zu beantworten. Eine davon kommt dem Direktor des Institutes für Klinisch-experimentelle Chirurgie am Universitätsklinikum des Saarlandes, Prof. Michael Menger, spontan in den Sinn: „Ein Magengeschwür und ein von ihm verursachter Magendurchbruch ist immer als Notfall zu sehen, weil austretende Magensäure und Keime eine vielleicht tödliche Bauchfellentzündung verursachen können. Bei NOTES-Eingriffen öffnet man freiwillig und absichtlich die Magenwand. Man wird das sehr genau und über lange Zeitstrecken beobachten müssen.“ Auch Hochberger zeigt sich kritisch: „Wesentlich erscheint die bewusste, schrittweise Einführung des Verfahrens, um nicht durch ein übereiltes Vorgehen die gesamte Entwicklung in Frage zu stellen.“ Der Ausbildung von Ärzten kommt dabei ebenso eine wichtige Rolle zu wie der Schaffung einer Patienten-Registratur, um Daten über die langfristigen Entwicklungen nach Operationen zu gewinnen.

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