Fernsehen stört das Gleichgewicht und schadet der Haltung

Durch stundenlanges Fernsehen verkümmern die Sinneszellen

Ungesundes Ernährungsverhalten, Bluthochdruck und Diabetes bei Kindern und Jugendlichen sowie negatives soziales Verhalten sind möglicherweise die Folge von übermäßigem Fernsehkonsum und häufiger Computernutzung. Dies wird unter Experten seit Jahren heftig und kontrovers diskutiert. So manche Behauptung, wie etwa die, dass Dauerfernsehen den Blutdruck in die Höhe treibe, konnte indes durch Studien nicht bestätigt werden. Viele Behauptungen entspringen der subjektiv gefärbten Beobachtung, andere haben ihre Quellen in persönlichen Überzeugungen und Glaubensvorstellungen. Harte Fakten wollen die gescholtenen Medien, die für den schlechten Gesundheitszustand der Kinder und Jugendlichen verantwortlich gemacht werden.
Aktuelle Ergebnisse einer Forschergruppe der Universität des Saarlandes belegen nun, dass starker Fernsehkonsum und dauerndes Computerspielen erheblich das Gleichgewichtsempfinden stören und Haltungsschwächen verursachen. Das hat ein Team aus Orthopäden, Neurologen, Humanbiologen, Sportwissenschaftlern und Physiotherapeuten im Rahmen einer Teilstudie der „Aktion Kid-Check“ mit einer eigens entwickelten Messmethode erstmals nachgewiesen. Das Zwischenergebnis der Studie ist alarmierend: Vier von zehn Kindern sind demnach nicht in der Lage, im Stehen eine stabile Körperhaltung einzunehmen und zu bewahren. Insgesamt untersuchten die Wissenschaftler 1600 Kinder und Jugendliche im Alter von sechs bis 17 Jahren. Rund 40 Prozent der jungen Teilnehmer gelang es nicht, ihren Körper im Stehen aufrecht zu halten. Besonders ausgeprägt sind solche Haltungsschwächen bei Kindern, die viel Zeit vor dem Fernseher oder Computer verbringen. Bei einem speziellen Test mussten die Kinder erst mit geöffneten, dann mit geschlossenen Augen eine Minute still stehen. Dabei wurde die Körperschwankung gemessen.

Durch stundenlanges Fernsehen verkümmern die Sinneszellen in Fußsohlen, Muskeln und Gelenken

Prof. Eduard Schmitt von der Orthopädischen Klinik der Universitätsklinik Homburg und ärztlicher Leiter der Untersuchung erklärt: „Für die Steuerung unserer Körperhaltung und -bewegung sind mehrere Sinnessysteme zuständig. Neben den Augen als visuelles System sind dies Sinneszellen in den Fußsohlen, in Haut, Muskeln, Sehnen und Gelenken und schließlich das Gleichgewichtsorgan im Ohr.“
Häufiges Fernsehen und Computerspielen führt nach Auffassung der Forscher offenbar dazu, dass das visuelle System besonders beansprucht und trainiert wird und dadurch bei der Steuerung der Haltung und Bewegung des Körpers eine dominierende Rolle übernimmt. Die anderen Sinneswahrnehmungen zur Körpersteuerung werden bei langem Sitzen vor dem Bildschirm hingegen nicht ausreichend genutzt und geschult. Den betroffenen Kindern fällt es daher mit geschlossenen Augen im Stehen schwer, das Gleichgewicht zu halten und richtig still zu stehen.
Eine schlechte Körperhaltung bei Kindern und Jugendlichen ist also nicht allein auf schwache oder schlecht gedehnte Muskeln zurückzuführen. In vielen Fällen ist die Körperwahrnehmung aufgrund schlecht trainierter Sinne gestört (Propriozeption). Fällt bei geschlossenen Augen das visuelle System weg, können die schlecht trainierten anderen Sinneswahrnehmungen keine ausreichenden Informationen liefern. Daher gelingt es den betroffenen Kindern nicht, ihre Haltung optimal zu steuern. Schmitt: „Erst wenn wir genau verstehen, wie Haltungsschäden entstehen, können wir gezielt dagegen vorgehen. Im Rahmen der Aktion wurden bereits mehrere hundert Kinder untersucht."
15 Jugendlichen im Alter von 14 bis 16 Jahren boten die Untersucher ein halbes Jahr lang die Möglichkeit zur Teilnahme an einem  maßgeschneiderten Programm mit Übungen für Gleichgewicht und Koordination. Außerdem wurden Kraft und Beweglichkeit trainiert. „Im Vergleich zu einer inaktiven Kontrollgruppe zeigten alle Jugendlichen der Trainingsgruppe nach Abschluss der Studie eine deutlich verbesserte Körperhaltung“, so Schmitt.

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