Forscher beweisen: Trennungsstress erhöht das Allergierisiko

Allergische Erkrankungen als Folge psychischer Belastungen

Schon länger ist durch Beobachtung bekannt, dass Stressereignisse in der Kindheit einen Einfluss auf die Entwicklung von Asthma, Hautkrankheiten und allergische Sensibilisierungen haben. Forscher der Helmholtz-Gemeinschaft aus Leipzig, München und Düsseldorf konnten diese durch Beobachtungsstudien erhärteten Vermutungen nun erstmals bestätigen.
In 234 Blutproben von sechsjährigen Kindern, deren Eltern sich innerhalb des letzten Jahres getrennt hatten, oder die von einem Umzug betroffen waren, fanden die Forscher erhöhte Blutkonzentrationen des Neuropeptides VIP und erhöhte Konzentrationen von so genannten Immunmarkern, die mit der Auslösung allergischer Reaktionen verbunden sind, wie beispielsweise Interleukin-4 (IL-4). Möglicherweise könnte der Botenstoff VIP eine Vermittlerrolle zwischen Stressereignissen im Leben und der Regulation des Immunsystems einnehmen, schreiben die Forscher im Fachblatt „Pediatric Allergy and Immunology“.

Allergische Erkrankungen als Folge psychischer Belastungen

Die Häufigkeit allergischer Erkrankungen wie Heuschnupfen, Asthma und Neurodermitis hat sich in den letzten 20 Jahren verdoppelt. Gründe für das Entstehen von Allergien gibt es viele. In den Fokus der Wissenschaft sind in den letzten Jahren zunehmend auch Stress und psychische Probleme gerückt. Vor allem die deutsche LISA-Studie (Lifestyle-Immune-System-Allergy) belegte, dass Kinder, deren Eltern sich getrennt hatten, dreimal so häufig unter Neurodermitis leiden, wie Kinder, deren Eltern zusammenleben. „Stress und psychische Probleme haben einen deutlichen Einfluss auf die Funktion des Immunsystems und können eine bestehende Neurodermitis verschlimmern“, bestätigt Prof. Dr. Torsten Schäfer von der Deutschen Gesellschaft für Allergologie und Klinische Immunologie (DGKAI).
Erste Hinweise auf einen Zusammenhang zwischen Trennungserlebnissen und allergischen Hautreaktionen hatte bereits 1972 der US-Dermatologe Brown geliefert. 15 Jahre später schrieb der deutsche Allergologe Prof. Ernst August Stemmann in seinem Buch „Neurodermitis ist heilbar“: „Ein Ekzem tritt häufig erstmals in einer stark belastenden Situation auf, so beispielsweise wenn sich die Eltern eines Kindes trennen. Das Ekzem kann durch die eine Scheidung oft begleitenden, unerträglichen Spannungszustände hervorgerufen werden.“ Ähnlich, wie die Muskulatur starr wird bei Schrecken, scheint die Haut zu reagieren, wenn ein traumatisches Trennungserlebnis stattfindet, dem das betroffene Kind hilflos ausgeliefert ist und sich verraten, gedemütigt und gekränkt fühlt, mutmaßte Stemmann damals.
Mit den aktuellen Ergebnissen ist nun belegt, dass ein Trennungsereignis auf direktem Weg das Immunsystem beeinflusst. Mit Trennungserlebnis meinen die Forscher auch einen gewöhnlichen Umzug. Schwere Erkrankungen, der Tod eines Angehörigen oder auch die plötzliche Arbeitslosigkeit eines Elternteils – das hatte die LISA-Studie ebenfalls gezeigt – haben dagegen, obwohl sie ebenfalls traumatisierendes Potenzial in sich bergen, offenbar keinen Einfluss auf die Entwicklung einer Allergie.
„Dieses Ergebnis war überraschend für uns, denn natürlich löst auch eine schwere Krankheit oder gar der Tod eines Angehörigen großen Stress aus“, sagt Schäfer, der in die LISA-Studie eingebunden war, und vermutet: „Möglicherweise lassen solche Erlebnisse die Familie näher zusammenrücken, so dass ein Kleinkind mehr soziale Aufmerksamkeit erhält, die sich günstig auswirkt.“ Ob es einen solchen Zusammenhang tatsächlich gibt, darüber lässt sich sicher spekulieren. Die Helmholtz-Forscher jedenfalls fanden in den Blutproben solcher Kinder die eben von elterlicher Arbeitslosigkeit, Krankheit oder Tod betroffen waren keine erhöhten Stresspeptidkonzentrationen. „So tragisch diese Ereignisse auch sind, offenbar sind sie jedoch für die Stressreaktionen von Kindern von geringerer Bedeutung als beispielsweise eine Trennung oder Scheidung der Eltern“, schlussfolgern Dr. Irina Lehmann und Dr. Gunda Herberth vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung Leipzig.

Zurück