Palmöl in Lebensmitteln

So beliebt wie umstritten

Die Lebensmittelindustrie schätzt Palmöl als Zutat mit günstigen Eigenschaften. Die Verbraucher dagegen sehen den Rohstoff eher kritisch – schließlich ist bekannt, dass dafür wertvolle Regenwälder gerodet werden. Wer will, kann viele Produkte mit Palmöl leicht vermeiden.

Von Birgit Schumacher

 

Es kann in Margarine und Nuss-Nougat-Creme stecken, in Gemüsebrühe und Tütensuppen, in Tiefkühlpizza genauso wie in Zwieback oder Crunchy-Müslis, in Süßigkeiten mit cremiger Schokoladenfüllung und in eher deftigem Knabbergebäck. Palmöl ist eine Zutat, die die Lebensmittelindustrie nur allzu gerne verwendet. Kein Wunder, denn das Fett hat wertvolle Eigenschaften: Es ist bei Zimmertemperatur fest und außerdem geschmacksneutral. Hinzu kommt noch ein weiterer, nicht zu unterschätzender Pluspunkt. Palmöl ist chemisch wesentlich stabiler als andere Fette und verdirbt nicht so schnell – damit lässt sich das Mindesthaltbarkeitsdatum deutlich nach hinten verschieben. Seit Anfang der 1990er Jahre ist die Nachfrage nach dem Rohstoff enorm gestiegen. Um sie bedienen zu können, wurden vor allem in den Hauptanbauländern Indonesien und Malaysia große Flächen an wertvollem Regenwald vernichtet, um dort in riesigen Monokulturen Ölpalmen anzubauen. Das hat schwerwiegende ökologische Folgen – schließlich binden Regenwälder große Mengen des Klimakillers CO2. Es wäre also mehr als wichtig, sie zu erhalten. Stattdessen werden bei den zwar illegalen, aber trotzdem immer noch üblichen Brandrodungen der Waldgebiete
gigantische Mengen an CO2 freigesetzt.


ES VERLIEREN: DAS KLIMA, DIE ARTENVIELFALT UND DIE MENSCHEN VOR ORT
Die Rodung der Regenwälder hat aber nicht nur langfristige Auswirkungen auf das Weltklima, sie zerstört auch einen für viele Tiere und Pflanzen wichtigen Lebensraum. Denn gerade hier gibt es eigentlich eine ungeheure Artenvielfalt.
Dieser Verlust an Biodiversität ist nicht mehr rückgängig zu machen. Auch Menschen gehören zu den direkten Verlierern: Etliche verloren ihr Land beziehungsweise die Nutzungsrechte durch Enteignung. Die Arbeiter in den Palmöl-Plantagen bringen gefährliche Pestizide häufig ohne ausreichende Schutzkleidung aus. Auch über die Missachtung von Arbeitsrechten und Kinderarbeit wird immer wieder berichtet.


KEINE OPTION: PALMÖL EINFACH ERSETZEN
Es wundert also nicht, dass Palmöl so in Verruf gekommen ist. Wer die Deklaration von Lebensmitteln studiert, kann den Stoff inzwischen sogar vermeiden, denn seit Ende 2014 muss eingesetztes Palmöl als Zutat aufgeführt werden – vorher war es möglich, einfach nur „Pflanzenöl“ zu schreiben. Wahrscheinlich ist auch deshalb so mancher Hersteller inzwischen auf Kokos-, Soja- oder Sonnenblumenöl umgeschwenkt. Doch das simple Austauschen durch andere Öle tut der Umwelt nicht unbedingt einen Gefallen. Denn Palmöl hat den großen Vorteil, dass der Anbau vergleichsweise wenig Fläche braucht. Nach Angaben der Umweltorganisation WWF liegt die Ausbeute bei Ölpalmen bei durchschnittlich 3,3 Tonnen pro Hektar. Raps, Kokos und Sonnenblumen bringen dagegen nur rund 0,7 Tonnen Öl pro Hektar, Soja sogar nur 0,4 Tonnen. „Oft kommt man vom Regen in die Traufe“, meint Ilka Petersen, Palmöl-Expertin beim WWF. „Im Sojaanbau wird in der Regel mit genmanipulierten Pflanzen gearbeitet. Und wenn, wie inzwischen bei Eiscreme üblich, Kokosfett statt Palmöl eingesetzt wird, hat das oft keine Zertifizierung.“ Statt Palmöl durch andere Stoffe zu ersetzen, sei es sinnvoller die Anbaubedingungen zu verbessern.


ZERTIFIKATE FÜR MEHR NACHHALTIGKEIT
Dafür gibt es schon länger entsprechende Bemühungen. So will beispielsweise der 2004 gegründete Roundtable on Sustainable Palm Oil (RSPO) mit Mindeststandards dafür sorgen, dass auf den Plantagen mehr für Naturschutz und Menschenrechte getan wird. Nach Angaben der Organisation sind inzwischen 19 Prozent der globalen Palmöl-Ernte nach RSPO zertifiziert. Umweltverbände wie Greenpeace oder Rettet den Regenwald bemängelten aber schon früh, dass die Kriterien des RSPO zu schwach seien und außerdem nicht ausreichend überwacht würden. Ende 2018 wurden die Anforderungen deshalb überarbeitet und verschärft. Ein weiteres wichtiges und international anerkanntes Zertifizierungssystem ist der ISCC-Standard (International Sustainability & Carbon Certification). Er wurde allerdings nicht speziell für Palmöl entwickelt, sondern überprüft für verschiedene Agrarrohstoffe ökologische und soziale Anforderungen.


MIT SIEGELN ALLES IM GRÜNEN BEREICH?
Nach Angaben des Forum Nachhaltiges Palmöl (FONAP) gelten fast vier Fünftel des in Deutschland verbrauchten Palmöls als nachhaltig angebaut, der Löwenanteil davon ist entweder nach ISCC oder nach RSPO zertifiziert. Also alles im grünen Bereich und das schlechte Gewissen überflüssig? Die Zahlen sagen nur die halbe Wahrheit. „Bei der großen Menge Palmöl, die in Deutschland für Biosprit genutzt wird, ist eine Zertifizierung vorgeschrieben. Das schönt die Statistik“, meint Ilka Petersen vom WWF. „Rechnet man das raus, liegt der Anteil des zertifizierten Palmöls nur etwas über 50 Prozent.“ Vorbildlich in Sachen nachhaltiges Palmöl sei vor allem die Biobranche. Fakt ist auch: Etliche Produkte mit Palmöl müsste es gar nicht unbedingt geben. Auf Produkte wie Fertigpizza, Tütensuppen, Saucen zum Anrühren, die nur unserer Bequemlichkeit dienen, könnten wir durchaus verzichten.


VIELE GESÄTTIGTE FETTSÄUREN
Für die gesunde Ernährung ist das Fett ohnehin nicht notwendig. Palmöl enthält zwar einen hohen Anteil gesundheitlich wertvoller einfach ungesättigter Fettsäuren, aber eben auch – im Vergleich zu Sonnenblumen-, Distel-, Raps- oder Olivenöl – viele gesättigte Fettsäuren. Die Zusammensetzung ist für eine gute Ernährung nicht optimal, noch schlechter schneiden bei den pflanzlichen Fetten eigentlich nur Kokosöl und Kakaobutter ab. Außerdem warnte die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) 2016, dass bei der Raffination krebserregende Fettsäureester entstehen können. Das betrifft zwar auch andere Pflanzenöle, bei der EFSA-Untersuchung wurden die höchsten Werte der unerwünschten Stoffe aber in Palmölen und -fetten gefunden. – Noch ein Grund mehr, wieder häufiger mit frischen Zutaten zu kochen, denn hier kommt man ganz ohne Palmöl aus.

 

Zum Thema ist jüngst ein Buch erschienen: "Der Palmöl-Kompass. Hintergründe, Fakten und Tipps für den Alltag"

 

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