Rückenschmerzen? Tinnitus?

Oft können Zähne die Ursache sein!

„Wissenschaftliche Untersuchungen legen nahe, dass über 40 Prozent der Kopf-, Rücken- oder Muskelschmerzen durch Störungen im Kiefergelenk ausgelöst werden und dass 30 Prozent aller Tinnitusfälle auf falsche Zahnstellungen zurückzuführen sind", sagt Dr. Wolfgang H. Koch, Herne, Vorsitzender der Internationalen Gesellschaft für ganzheitliche Zahnmedizin. Und selbst bei 60 Prozent aller Trigeminus-Neuralgien (Entzündungen des Hauptgesichtsnervs) soll die Ursache im Kiefergelenk liegen.
Ein kleiner Test, den jeder leicht an sich selbst ausprobieren kann, verrät, ob eine Funktionsstörung der Kiefergelenke für Schwindel, Depressionen, Tinnitus & Co vorliegt. Und das geht so: Man steckt die kleinen Finger in die Ohren und bewegt den Unterkiefer auf und ab. Wenn es dann knackt und knirscht, kann möglicherweise der Zahnarzt helfen.

Stress und Verbissenheit schaden den Zähnen 

In einem intakten Gebiss steht jeder Zahn senkrecht zu seinem Gegenzahn. So wird die Kaukraft gleichmäßig auf den Kiefer verteilt. Zähne, Kiefer und Kiefergelenke verändern sich aber altersbedingt. Kauen verschleißt allmählich das Gebiss, es kommt zu Fehlbissen unterschiedlicher Ausprägung. Dauerstress ist Gift für den Kiefer. Im wahrsten Sinne des Wortes rackern sich viele Menschen verbissen ab, sie beißen sich durch die Niederungen ihres Alltags und knirschen ob ihrer Misserfolge mit den Zähnen. Statt der normalen Schwebehaltung, bei der die entspannte Kaumuskulatur dafür sorgt, dass sich Ober- und Unterkiefer nicht berühren, herrscht in ihrem Mund ein ständiger Druck auf die Kieferknochen, der um ein Vielfaches über dem üblichen Kaudruck liegt. 
Angeborene Zahnschiefstände, erhöhte Füllungen, Kronen, Zahnersatz, Zahnspangen, nicht versorgte Zahnlücken oder Operationen verziehen das Kieferspiel ebenso wie beispielsweise ein Schleudertrauma. All das kann zur Ursache für Beckenschiefstände, Plattfüße, Kniebeschwerden und Bandscheibenvorfälle werden. Denn die Zähne gehören zum Skelett, was bedeutet, dass sich selbst kleinste Kieferveränderungen auf den übrigen Knochenbau auswirken können. 

Wie die kleinen Zahngelenke die großen Körpergelenke beeinflussen

Der Mannheimer Zahnmediziner Professor Andreas Valentin sieht das so: „Man muss sich vorstellen, dass alle Zähne zueinander kleine Gelenke darstellen, die die großen Körpergelenke dirigieren und sie aufrecht und in harmonischer Funktion halten. Diese kleinen Zahngelenke sind für die Feinabstimmung der gesamten Körperhaltung verantwortlich.“ Wie das im Einzelnen funktioniert hat der ganzheitlich arbeitende Zahnarzt Dr. Dirk Schreckenbach, Homburg, ausführlich in seinem Buch „An jedem Zahn hängt immer auch ein ganzer Mensch" für jeden verständlich aufgearbeitet. 
Ober- und Unterkiefer sind zunächst nur zwei der 22 Knochenteile des Schädels, die entgegen der üblichen Vorstellung auch noch im Alter zueinander beweglich sind. Die Nervengeflechte zwischen den Schädelknochen melden den Dehnungszustand der jeweiligen Knochennaht. Aufgrund dieser Information ändern sich ständig die Druckverhältnisse im Schädel. Normalerweise „atmet" der Schädel bis zu 14 Mal pro Minute ein und aus. Wirkt eine Kraft auf die ihn umgebende Hirnhaut, ändert sich der Rhythmus dieses so genannten cranio-sacralen Systems, das mit dem Lymph-, Gefäß-, Nerven-, Atem-, Hormon-, Skelett- und Muskelsystem in Wechselwirkung steht. Der Unterkiefer kann beispielsweise durch seine anatomischen Verbindungen mit anderen Strukturen des Schädels eine Kraftwirkung auf die Hirnhaut ausüben. Über Muskelbänder ist er mit dem frei schwebenden Zungenbein verbunden, das als eine Art Umlenkrolle die einwirkende Kraft verstärkt. Die Bewegung an der Hirnhaut pflanzt sich fort bis zur Wirbelsäulenspitze. So wird verständlich, dass minimale, störungsbedingte und dauerhafte Fehlbewegungen des Kiefers langfristig Auswirkungen auf das Gesamtsystem Mensch haben, die zu vielfältigsten Beschwerden führen können. Ein Zehntel Millimeter Kieferschiefstellung, zum Beispiel durch eine zu hohe Zahnfüllung verursacht, kann bereits zu einer Wirbelsäulenfehlhaltung von einem Zentimeter führen. Die Folgen kann sich jeder selbst ausmalen. „Das Ganze funktioniert natürlich auch umgekehrt", sagt Schreckenbach: „Ein Beinbruch in der Kindheit kann die Wachstumsfuge des Knochens beeinträchtigen, es kommt über eine Beinverkürzung zum Beckenschiefstand, der sich nachteilig auf den Kiefer auswirkt."

Den Blick über das Fachgebiet hinaus wagen 

Das Problem: Obwohl das Wissen über diese anatomischen Zusammenhänge seit Jahrzehnten bekannt ist, arbeiten nur wenige Orthopäden und Zahnmediziner zusammen. „Die Zahnärzte haben erst mal Hemmungen, aus der Mundhöhle heraus nach dem Rest des Menschen zu sehen, und wir Orthopäden  finden uns im Mund nicht zurecht", stellt Dr. Klaus Limpert aus Stolberg nüchtern fest. Wie viele seiner Kollegen behandelte er jahrelang vergeblich Patienten ohne eindeutige Kenntnis der Krankheitsursache rein symptomatisch. Dann wagte er den Blick über sein Fachgebiet hinaus: „So blöd, wie ich manchmal aus der Wäsche guckte, wenn einfache Wattetamponaden zwischen den Zähnen die Rückenschmerzen beseitigten, das kann man sich gar nicht vorstellen". Inzwischen gibt es einzelne Fachgruppen und Arbeitsgruppen, in denen Zahnärzte, Orthopäden, HNO-Ärzte, Schmerztherapeuten, Psychologen, Internisten und Physiologen eng kooperieren, um chronischen Krankheiten „den Zahn zu ziehen" und Strategien gegen die als craniomandibuläre Dysfunktion (CmD) bezeichnete Symptomatik zu entwickeln. „Im Vordergrund steht dabei das ausführliche Vermessen von Kiefer und Haltungsapparat", sagt Schreckenbach, weil die Mechanik am einfachsten fassbar sei. Dazu stünden eine Vielzahl wissenschaftlich gesicherter Methoden zur Verfügung. Ihre Anwendung erfordert aber Zeit. Und Zeit ist bekanntlich Geld, das den Kassen fehlt. Damit werden Betroffene zu Selbstzahlern.

Das sollten Sie beachten

Bei chronischen Schmerzen von Muskeln, Gelenken, Rücken und Kopf, bei ungewohnten Beschwerden wie Tinnitus, Sehstörungen, Schwindel oder Abgeschlagenheit sollte man zur Abklärung stets auch den Zahnarzt heranziehen. Vor allem dann, wenn vor dem Auftreten der Beschwerden eine Zahnbehandlung erfolgte. Beim Routinezahnarztbesuch sollten Sie ihren Arzt unbedingt auch auf orthopädische Hilfsmittel wie Einlagen oder Korsetts aufmerksam machen und ihm u. a. mitteilen, ob Sie unter Stress leiden und dauerhaft verspannt sind. Weisen Sie auch ihren Orthopäden auf Zahnersatz, Korrekturhilfen und vorausgegangene Behandlungen hin, selbst wenn diese Jahre zurück liegen. 

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