Vorsorge nach dem Yang-Sheng-Konzept

„Das Leben nähren“

Seit Jahrhunderten gilt in China: Ärzte, Patienten und die Gesellschaft müssen zusammenarbeiten, um Gesundheit zu erhalten. Der TCM-Therapeut und Heilpraktiker Johannes Bernot erläutert, wie das Vorsorgeprinzip Yang Sheng auch in Deutschland Menschen hilft, gesundheitsfördernde Gewohnheiten zu erlernen.

19.02.2020

„Das Leben nähren“ | TCM Gesundheit Naturheilkunde

 © Yü Lan / stock.adobe.com

Johannes Bernot arbeitet in eigener Praxis für Chinesische Medizin in Hamburg-Volksdorf. In China, wo er zehn Jahre lang lebte, absolvierte er ein reguläres Medizinstudium mit Ausrichtung Chinesische Medizin und lernte bei zwei der einflussreichsten TCM-Ärzte Chinas. In Deutschland hat Johannes Bernot lange in der TCM-Klinik Bad Kötzting gearbeitet. Er ist Dozent für die TCM-Ausbildung, außerdem Verfasser des Fachbuchs „Akupunkturkombinationen“ und Mitautor der Yang-Sheng-Buchreihe, die ab 2019 beim oekom verlag erscheint. Das Interview führte Helena Obermayr. Es ist in in BIO-Ausgabe 5/2018 erschienen.

BIO: Sie haben acht Jahre lang in China Traditionelle Chinesische Medizin – kurz TCM – studiert. Wie war es, den chinesischen Ärzten über die Schulter zu gucken?
Johannes Bernot: Im Westen wird TCM häufig mit Esoterik verbunden. Ist man dann tatsächlich dort, erlebt man ein Medizinsystem, das ganz ohne Folklore auskommt, sondern das den Menschen ganzheitlich betrachtet und äußerst effizient mit Krankheiten umgeht. Begriffe wie Qi oder die fünf Wandlungsphasen sind Denkmodelle, mit denen man Krankheitsmuster und -verläufe erklären und daraus therapeutische Handlungen ableiten kann. Der TCM-Arzt muss wissen, welche innerlichen und äußerlichen Faktoren zusammenspielen und wie sie das Gleichgewicht des Menschen ins Ungleichgewicht bringen können.

Können Sie dafür ein Beispiel geben?
In meinem zweiten Jahr im Krankenhaus kam ein Mann mit sehr starken Kopfschmerzen zu uns. Die Kopfschmerzmittel, die er von einem Schulmediziner bekommen hatte, wirkten nicht. Mein damaliger Lehrer, ein Akupunkteur, hat den Patienten viel gefragt, unter anderem, was passiert war, bevor die Kopfschmerzen auftraten. Und der Patient erzählte ihm, er habe mit seiner Frau gestritten und sei danach ohne Helm im Regen mit dem Motorrad herumgefahren. Ganz klar, hat mein Lehrer gesagt, das ist der Faktor Wind. Die Wut, die der Mann gespürt hat, ist ein Ausdruck für das Lebersystem. Wenn das Lebersystem im Übermaß stimuliert wird, entsteht im Köper Wind. Und dieser innere Wind kann zu Symptomen wie Kopfschmerz führen. Zusätzlich hat der Mann durch die Fahrt auf dem Motorrad auch noch äußeren Wind abbekommen, was in einem sehr hartnäckigen Kopfschmerz resultierte. Mein Lehrer hat Nadeln an spezifischen Punkten gesetzt, die den Faktor Wind ausleiten, und dann waren die Kopfschmerzen nach zwei, drei Tagen weg. Das Lebersystem war wieder beruhigt, der Qi-Fluss wieder ausgeglichen.

Ist es für Menschen, die nicht in einer asiatischen Kultur aufgewachsen sind, schwerer, TCM zu erlernen?
Anfänglich ja, aber die Bildhaftigkeit der chinesischen Medizin macht es leichter. Nehmen Sie das Bild vom Wind: Sie können das Gefühl nachvollziehen, wenn Ihnen kalter Wind ins Genick fährt, und Sie können sich vorstellen, was das im Körper auslösen kann, etwa Nackensteifigkeit oder Kopfschmerzen. Wichtig ist, den gedanklichen Schritt zu vollziehen, dass in der TCM Naturerscheinungen, zum Beispiel Wettererscheinungen, auf den Körper projiziert werden. Zum Beispiel gibt es in der Natur das Phänomen Trockenheit – im Körper wäre das ein Mangel an Körperflüssigkeit. Oder das Phänomen Hitze – dem entsprechen Entzündungen.

Lesen Sie das ganze Interview in der folgenden Leseprobe:

 

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