Die Welt der Alternativ-Therapien

Phytotherapie: Pflanzen als Medizin

In der zweiten Folge unserer Serie »Die Welt der Alternativ-Therapien« erklärt Ihnen Prof. Dr. med. Andreas Michalsen, was die Phytotherapie ist und wann sie helfen kann.

10.10.2022

Phytotherapie: Pflanzen als Medizin | Phytotherapie Therapie Naturheilkunde Pflanzen

Was versteht man unter Phytotherapie?

Als Phytotherapie bezeichnet man die Heilung, Linderung und Vorbeugung von Krankheiten und Beschwerden durch Arzneipflanzen und deren Zubereitungen. Verwendet werden hierfür ihre Blüten, Wurzeln, Blätter und ätherischen Öle.

Phytotherapie – eine Therapieform mit Geschichte

Schon immer haben Ärzt*innen und Therapeut*innen Pflanzen und deren Extrakte zu Heilzwecken eingesetzt. Die sogenannte Phytotherapie ist ein Bestandteil von allen traditionellen Medizinsystemen weltweit – von der chinesischen Medizin über den indischen Ayurveda bis hin zur europäischen Naturheilkunde. Auch die moderne Pharmakologie, also die Wissenschaft von der Wirkung von Medikamenten, war anfangs überwiegend eine Phytotherapie.

Was ist der Unterschied zwischen der traditionellen und der rationalen Phytotherapie?

Heilpflanzen und PräparateHeutzutage unterscheidet man zwei grundlegende Bereiche der Phytotherapie:

  1. Bei der traditionellen Heilpflanzenkunde werden Arzneipflanzen auf Basis der ärztlichen Erfahrung eingesetzt. Meist kommen die natürlichen Gesamtextrakte der Blüten, Blätter oder Wurzeln zum Einsatz. Oft werden auch verschiedene Arzneipflanzen kombiniert. Die Extrakte werden als Kapsel, Tropfen, Abkochung (Decoct) oder auch als Tee verabreicht.
  2. Bei der rationalen Phytotherapie werden die Pflanzenextrakte auf Basis von klinischen wissenschaftlichen Studien für spezifische Indikationen angewendet. Eine Hauptsubstanz wird als für die Wirkung hauptverantwortlich herausgestellt, etwa Curcumin bei Curcuma. Die Präparate werden vorwiegend über die Apotheke verkauft und viele sind als Arzneimittel zugelassen.

So wirkt die Phytotherapie

Die Phytotherapie wirkt nicht anders als die moderne Pharmakotherapie, bei der Krankheiten mithilfe von Arzneimitteln behandelt werden. Das heißt, über die in der Pflanze enthaltenen Substanzen werden pharmakologische Wirkungen ausgelöst. Genauso wie für konventionelle Arzneimittel gilt für die Phytotherapie: Die optimale Wirkdosis sollte beachtet werden und auch Nebenwirkungen können dosisabhängig auftreten.

In der Phytotherapie werden sowohl Einzelpflanzen, etwa Baldrian bei Schlafstörungen, als auch Kombinationen von Pflanzen – zum Beispiel Rosmarin, Liebstöckel, Tausendgüldenkraut bei Blasenentzündung – eingesetzt.

Insgesamt wirken Pflanzenextrakte nicht so stark wie moderne chemische Medikamente. Auf der anderen Seite sind sie in der Regel verträglicher, haben also mehr oder weniger starke Nebenwirkungen. Unbedingt darauf zu achten ist aber, dass Arzneipflanzenextrakte mit chemischen Medikamenten interagieren können – sie können die Wirkung dieser Medikamente abschwächen oder verstärken.

Hier hilft die Phytotherapie – zehn Beispiele

Die Phytotherapie kann bei sehr vielen Beschwerden und Erkrankungen Symptome lindern. Die Anwendung erfolgt als Ergänzung bei schweren Erkrankungen oder als primäre Therapie bei leichteren Beschwerden. Zehn Beispiele sind:

  1. Extrakte aus Baldrian, Passionsblume, Melisse oder Lavendel bei SchlafstörungenLavendel bei Schlafstörungen
  2. Johanniskraut und Safran bei Depressionen
  3. Kurkuma und Hagebutte bei Gelenkentzündungen
  4. Mariendistel bei Leberentzündungen
  5. Weißdorn bei Herzschwäche
  6. Mutterkraut, Pestwurz und Minzöl bei Migräne
  7. Thymian, Efeu und Eibisch bei Bronchitis
  8. Kamille und Myrrhe bei Darmentzündungen
  9. Echinacin, Zistrose, Geranie, Ingwer und Salbei bei akuten Infekten
  10. Rosmarin, Liebstöckel und Tausendgüldenkraut bei Blasenentzündungen

Was ist der Stand der Forschung?

Phytotherapie LaboruntersuchungenWeltweit wird intensiv zur Phytotherapie geforscht und zu diversen Indikationen werden viele klinische Studien geführt. Allerdings sind die Studien meistens kleiner als bei chemischen Medikamenten. Dies liegt daran, dass die finanziellen Mittel begrenzt sind – auf Phytotherapeutika gibt es keine Patentrechte. Entsprechend werden die meisten Studien in der Phytotherapie nicht von der Industrie beziehungsweise großen Pharmaunternehmen gesponsert, sondern von Stiftungen bezahlt oder aus Eigenmitteln der Wissenschaftler*innen getragen.

 

Werden die Kosten einer Phytotherapie von der Krankenkasse übernommen?

Grundsätzlich werden Phytotherapeutika nicht von der gesetzlichen Krankenkasse bezahlt und erstattet. Ausnahmen bilden

  • die Misteltherapie bei fortgeschrittenen Krebserkrankungen
  • Flohsamen bei Darmentzündungen
  • Johanniskraut bei leichter und mittelschwerer Depression
  • Ginkgo bei beginnender Demenz

Allerdings erstatten einige Krankenkassen jährlich einen gewissen Pauschalbetrag für Kosten, die für Phytotherapeutika anfallen. Hier ist zu empfehlen, die eigene Krankenkasse direkt anzufragen.

So finden Sie gute Therapeut*innen

Gespräch zwischen Therapeutin und PatientinIn der ärztlichen Ausbildung im Rahmen des Studiums erfahren Mediziner*innen nur wenig über die Phytotherapie. Die Zusatzqualifikation »Naturheilverfahren« vermittelt tiefergehende Kenntnisse über den richtigen Einsatz von Arzneipflanzen. Es gibt in einzelnen Bereichen, wie etwa bei der chinesischen Phytotherapie oder der Klostermedizin, auch versierte Heilpraktiker*innen, die sich gut in der Phytotherapie auskennen. Es fehlt hier allerdings ein verbindlicher Ausbildungsstandard, sodass persönliche Empfehlungen hilfreich sind.

Fazit

Die Phytotherapie ist ein wertvoller Bereich der Naturheilkunde. Viele Beschwerden und Erkrankungen lassen sich ergänzend zu konventionellen Arzneimitteln wirksam mit Phytotherapie behandeln. Wichtig ist, die behandelnden Ärztinnen und Ärzte über die Einnahme solcher Phytotherapeutika zu informieren.

 

Text: Prof. Dr. med. Andreas Michalsen
Bearbeitung durch die Onlineredaktion (cf)

 

Porträt von Prof. Dr. med. Andreas Michalsen »

Prof. Dr. med. Andreas Michalsen » ist Professor für Klinische Naturheilkunde der Charité Berlin und Chefarzt der Abteilung Naturheilkunde am Immanuel Krankenhaus Berlin. Zu seinen Schwerpunkten zählen die Ernährungsmedizin, das Heilfasten und die Mind Body-Medizin. Diese Kolumne schreibt er im Wechsel mit Dr. Isabel Bloss », Ärztin für Allgemeinmedizin, Naturheilmedizin, Anthroposophische Medizin und Traditionelle Chinesische Medizin.

 

 

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