Dick durch wohlige Wärme?

Fehlende Kältereize könnten Übergewicht begünstigen

Britische Forscher haben eine interessante Hypothese entwickelt, nach der die zunehmende Fettleibigkeit der Menschen in den industrialisierten Ländern auch mit der erhöhten Innenraumtemperatur zusammenhängen könnte. Seit Einführung der Zentralheizungen sei die Innenraumtemperatur kontinuierlich gestiegen. So lag beispielsweise die durchschnittliche Temperatur in Englands Wohnzimmern in den 70er Jahren unter 18 Grad Celsius, heute ist sie auf 21 Grad Celsius gestiegen. Auch Schlafzimmer werden zunehmend beheizt. Viele Menschen bewegen sich im Winter kaum noch im Freien. Sie fahren in klimatisierten Autos direkt bis zur wohltemperierten Arbeitsstelle und wieder zurück. So fehlen Kältereize. Nach Ansicht der Forscher könnte die Folge sein, dass der Körper weniger Wärme produzieren müsse und daher weniger Energie verbrauchen würde – die dadurch eher in Form von Fett abgespeichert werden könne. Ob es tatsächlich einen Zusammenhang zwischen fehlenden Kältereizen und zunehmenden Übergewicht gibt, muss durch weitere Studien untersucht werden.
Ein Blick auf das Fettgewebe: Allgemein kann man zwischen weißem und braunen Fettgewebe unterscheiden. Wenn von Fettgewebe im menschlichen Körper die Rede ist, so ist fast immer das weiße Fettgewebe gemeint, in dem Fett gespeichert wird. Neugeborene Säugetiere - auch der menschliche Säugling - und Tiere, die Winterschlaf halten, weisen daneben auch braunes Fettgewebe auf. Dieses dient nicht der Speicherung, sondern vielmehr der Verbrennung von Fett. Dabei entsteht Wärme, die sowohl für neugeborene Säugetiere als auch für Winterschläfer überlebensnotwendig ist. Die Wissenschaftler um Bartelt und Heeren konnten im Mäusemodell zeigen, wie braunes Fettgewebe als Reaktion auf Kälte ein ganzes Stoffwechselprogramm in Gang setzt. Dieses sorgte dafür, dass überschüssige Fette binnen Stunden aus dem Blut und dem weißen Fettgewebe gezogen und effizient im braunen Fett abgebaut wurden. „Quasi über Nacht konnten auf diese Weise stark erhöhte Blutfette gesenkt werden, dicke Mäuse wurden wesentlich dünner“, so Bartelt. Erst seit Kurzem weiß man, dass braunes Fettgewebe in geringen Mengen auch beim erwachsenen Menschen vorkommt. Die britischen Forscher vermuten, dass die fehlenden Kältereize zu einem Verlust des braunen Fettgewebes und zu einer verminderten Energieverbrennung führen, was Übergewicht begünstigt. Heeren vom Universitätsklinikum Hamburg- Eppendorf hofft, dass eine Aktivierung des braunen Fettgewebes durch Kälte oder pharmakologische Substanzen die Verarbeitung von Fetten beschleunigen und somit künftig im Kampf gegen Übergewicht und erhöhte Bluttfettwerte eingesetzt werden könnte.

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