Nachhaltige Modetrends

„Solide ist das neue Cool“ - Interview mit Kirsten Brodde

Der Kleiderschrank wird immer voller, und das schlechte Gewissen angesichts der dunklen Seiten der Modeindustrie immer größer – wer kennt das nicht? Aber es geht auch ganz anders: nachhaltig, bewusst und reduziert. Die Grüne-Mode-Expertin Kirsten Brodde erzählt in BIO, wie man sich von kurzlebigen Modetrends lossagt und trotzdem perfekt gekleidet ist.

 

BIO: Liebe Frau Brodde, wir Deutschen kaufen im Durchschnitt fünf neue Kleidungsstücke pro Monat, das sind im Jahr 60 Stück. Warum glauben Sie, verwenden so viele Leute so viel Zeit in Geschäften oder shoppen im Internet? Es kann ja niemand behaupten, er oder sie hätte nicht genug zum Anziehen ...

Kirsten Brodde: Das ist tatsächlich überraschend, denn wie die meisten aus eigener Erfahrung wissen, ist im Kleiderschrank gar kein Platz mehr für die neu erworbenen Schätzchen. Dazu kommt, dass die Leute rund 40 Prozent dessen, was bereits im Schrank hängt oder liegt, selten oder nie tragen. Wir haben offenbar eine Beziehungskrise mit der Kleidung, die im Schrank hängt: Die Kleidungsstücke scheinen schnell aus der Liebe zu fallen, und zwar nicht weil der Reißverschluss kaputt oder Knopf ab ist, sondern weil man denkt, es sei nicht mehr neu oder chic genug.

Wer sind denn die Treiber, die die Menschen dazu bringen, fast täglich neue Kleidung zu kaufen, und sich immer wieder der Fast Fashion hinzugeben. Oft ja auch wider besseres Wissen, denn die katastrophalen Verhältnisse in den Fabriken sind ja bekannt, ebenso die negativen ökologischen Auswirkungen der Modeindustrie.

Die Treiber waren lange Zeit die klassische Werbung. Heute ist es zum einen der Onlinehandel – also dass man alles zu jeder Zeit mit einem Klick – bestellen kann, und jede Art von Hemmschwelle weggefallen ist. Der Laden ist immer geöffnet - und man wird noch nicht einmal gesehen dabei. Der andere Treiber ist dieses dauerhafte Sich-Selbst-Zeigen im Netz, vor allem über Instragram. Dort gibt es so furchtbare Hashtags wie #outfitoftheday oder kurz: #ootd. Hier zeigt man das eine Outfit für den Tag. Das kann man am folgenden Tag nicht mehr anziehen, da man es ja auf Instagram schon gezeigt hat. In der Kopplung von schneller Verfügbarkeit, Shoppen als Entertainment und dem dauerhafte Posen ist die Versuchung unendlich groß. Dem zu widerstehen, schafft man nicht von einem Tag auf den anderen. Das muss man wie einen Muskel trainieren.

Bei den jungen Leuten spielt die Peergroup und sich in einer Herde zu bewegen eine wahnsinnig wichtige Rolle. Das hat mich zu der Einsicht gebracht, dass ich eine neue Herde anbieten muss. Das bedeutet, dass man beispielsweise zusammen auf Tauschpartys geht oder diese sogar zusammen organisiert. Wer zu einem lifestyligen Second-hand-Event geht, hat nicht das Gefühl, ein Sonderling oder ein Zausel zu sein, das möchte wirklich niemand. Wenn die Sehnsucht ist, dazuzugehören und sich zu zeigen, dann muss man diese Sehnsucht befriedigen. Das geht auch mit einer anderen Mode. Bei meiner Tochter funktionierte es über das Do-It-Yourself, das Experimentieren mit dem Selbermachen.

Wie viele Teile kaufen Sie denn neu?

Bei persönlich war das eine interessante Entwicklung: Als Greenpace-Aktivistin habe ich es einfach, weil ich keinem strengen Dresscode folgen muss. Und ich gehöre vom Alter her nicht zur Generation Instagram, also nicht zu denen, die sich ständig, eigentlich täglich, im Netz zeigen müssen. Das heißt, mein Kleiderschrank war immer überschaubar. Das hat sich komplett geädert, als ich anfing, mich mit ökologischer Mode zu beschäftigen. Ich wurde damals zur Expertin und zum Einkaufsscout für Grüne Mode. Mein Kleiderschrank explodierte damals, was natürlich grotesk ist. Ich wurde auf einmal auf Grünen Modemessen in Versuchung geführt. Mein Kleiderschrank war dann zwar voll mit ökologisch einwandfreier Mode, aber immer noch viel zu voll. Mir ist das erst aufgefallen, als mir meine Teenager-Tochter, mir sagte: Mama, du kaufst ja mehr als ich. Damals wurde mir endgültig klar, dass es nicht nur darum geht, was ich kaufe, sondern auch wie viel.

Die Phase der ökologischen Kaufrauschs haben Sie demnach hinter sich gelassen?

Ja, und diese Einsicht zeigt auch unser Buch: Wenn ihr neue Kleidung kauft, dann bitte öko und fair. Aber es gibt noch viele andere Möglichkeiten, ohne - und das ist sehr wichtig -, ohne Abstriche an Design und Lebensqualität machen zu müssen. Ich habe damals angefangen, mit dem Leihen von Kleidung, zu experimentieren. Leihen klappt mit Werkzeug, auch mit Autos, aber funktioniert es auch, wenn es um Alltagskleidung geht? Ich mir Kleidung aus einer Kleiderbibliothek schicken lassen. Im Ergebnis bedeutet die Möglichkeit, alles leihen zu können: Ich kaufe nichts mehr, verzichte aber auch nicht.

Anfangs fand ich das allerdings sehr mühsam. Leihen war für mich, anders als mal auf den Flohmarkt oder im Second-Hand-Laden zu kaufen, gar keine Routine. Und das, obwohl ich gewillt bin, mich überall wo es geht umweltverträglich zu verhalten. Aber es war nicht einfach und es hat gedauert, bis ich meinen Kleiderschrank umgestellt hatte. Letztlich hat diese Kiste aus der Modebibliothek dazu geführt, dass ich überhaupt nichts mehr eingekauft habe - ich war zufrieden mit dem Frische-Kick, den mir das Kleidungs-Abo vermitteln konnte.

Ihre Strategie ist also gar nicht mehr primär, den Kauf grüner Mode zu fördern, sondern andere Formen der Konsums zu propagieren und eine möglicher Verzicht auf neue Kleidung?

Nennen Sie es bitte nicht Verzicht! Es ist eine Befreiung! In unserem Buch plädieren wir für nicht weniger als einen anderen Lebensstil. Denn die Menge an Kleidung erdrückt uns. Der Druck, uns ständig zu zeigen, belastet uns. Die Mode macht sich in unseren Gedanken breit und fordert viel zu viel unserer Aufmerksamkeit. Es ist höchste Zeit, dass wir uns befreien! Um unserer selbst willen, aber auch um unserer Erde willen, die wir mit unserem ungebremsten Konsum zerstören. Sauber, fair und umweltverträglich zu konsumieren, sind wichtige Schritte in die richtige Richtung. Aber wir wollen nicht einfach dieselbe Menge Mode in Grün einkaufen, auch wenn sie giftfrei ist und aus Bio-Baumwolle. Wir wollen keine Verbraucherinnen und Verbraucher mehr sein. Wir sind lieber Nutzer. Das heißt, wir teilen, tauschen und leihen.

Mein Co-Autor Alf --- und ich, wir sagen: Fangt an zu experimentieren. Statt Kleidung zu verbrauchen, wollen wir sie wertschätzen, pflegen und flicken, tauschen und neu kombinieren. Das ist auch wichtig, dass wir der unglaublichen Menge an Klamotten, die wir kaufen, Einhalt zu gebieten. Aber klar, wenn all das Tauschen, Leihen und Secondhand-kaufen nicht reicht, dann tut mir bitte den Gefallen und kauft öko und fair. Und dann erklärt unser Buch auch, worauf man achten muss.

Gar nichts Neues mehr zu kaufen ist ein sehr radikaler Schritt.

In unserem Buch sagen wir ganz klar: Ihr müsst das einüben mit der Umstellung des Kleiderschranks und ihr müsst einplanen, dass ihr womöglich zwei- oder dreimal scheitert und beim vierten Mal dann schöner scheitert. Es gibt immer auch Rückschläge, wenn man versucht, sein Verhalten zu ändern. Das gelingt nicht von heute auf morgen. Die Botschaft unsere Buches lautet daher: Probiert es aus, Schritt für Schritt; ihr müsst nicht alles auf einmal schaffen - aber fangt an!

Wer dennoch etwas Neues kaufen möchte, dem empfehlen Sie vor allem hochwertige Kleidung. Kann ich die denn auch in günstigen Geschäften wie C&A, Zara oder H&M finden?

H&M muss ja immer herhalten als Wegbereiter der Fast Fashion, aber hier zeichnet sich eine interessante Entwicklung ab: Da sich gezeigt hat, dass H&M mittlerweile große Schwierigkeiten hat, „H&M zu sein“, also seine Trendfummel loszuwerden. Das Unternehmen hat einen neuen Ableger gegründet namens Arket, wo nichts anderes hängt, als langlebige, zeitlose Kleidung. Das was wir in unserem Buch erzählen ist etwas, das die Unternehmen sehr wohl auch begriffen haben - nämlich dass sie ihr Geschäftsmodell ändern müssen, wenn sie zukunftsfähig bleiben wollen. Ich würde sagen, ein wichtiger Trend lautet: Solide ist das neue Cool. Viele Menschen kaufen nichts mehr, von dem sie befürchten müssen, dass es mit heißer Nadel genäht ist und schnell auseinander fällt. Und nicht nur in unseren Köpfen als Konsumenten hat sich etwas geändert, sondern auch bei den Unternehmen. Tchibo zum Beispiel bietet Kinderkleidung zum Leihen an.

Werden denn Kleidungsstücke, die mehr kosten, automatisch unter faireren Arbeitsbedingungen hergestellt?

Bei unseren Tests haben wir festgestellt, dass die Ware teurer Marken nicht automatisch besser war, was die Schadstoffbelastung angeht. Aber: Ich muss deutlich sagen, dass ein höherer Preis auf jeden Fall einen größeren Spielraum bietet für ökologische und faire Produktion. Und Spielraum haben alle Unternehmen!

Die Tendenzen, von denen Sie sprechen, machen ja Hoffnung. Dennoch kauft die Mehrheit der Menschen mit Fast Fashion billigst produzierte Mode. Und das, obwohl ja sicherlich jeder schon mal von den verheerenden Zuständen in den Textilfabriken gehört hat.

Ich denke, es ist sehr leicht, die Fakten im Einkaufsrauch auszublenden. Da hilft nur, dass auch das Gefühl überzeugt wird. Das Gefühl, dass es gut ist, wenn ich dieses Teil jetzt im Laden hängen lasse, weil es genauso cool oder chic ist, etwas zu tauschen oder zu teilen oder second-hand zu kaufen. Erst wenn die Alternative als solche erkannt wird, haben wir den Zenit bei Fast Fashion überschritten.

 

Das Interview führte Torsten Mertz, es ist zuerst erschienen in BIO 5/2018

 

Kirsten Brodde ist Deutschlands profilierteste Kritikerin der Textilindustrie. Sie leitet die globale Detox-Kampagne von Greenpeace, die sich mit den Umweltschäden der überhitzten Modebranche beschäftigt. Gerade ist ihr Buch „Einfach Anziehend. Der Guide für alle, die Wegwerfmode satthaben“, das sie mit Alf-Tobias Zahn verfasst hat.

 

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